Denkt an die Gefangenen
28. Mai 2026
„Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!“
(Hebr. 13,3; Monatsspruch für Juni)
Es gehört zu den sieben Werken der Barmherzigkeit, Gefangene zu besuchen. Daran zeigt sich, dass Barmherzigkeit nicht nur auf Menschen bezogen ist, die aus irgendwelchen äußeren Gründen Hilfe brauchen, sondern auch an die Menschen gerichtet sein soll, die als Täter identifiziert wurden. Das macht diese Form der Barmherzigkeit herausfordernd: Ich muss mehr als bei anderen Hilfebedürftigen über meinen eigenen moralischen Schatten springen. Ich muss bereit sein, über Fehler, Schuld und böse Tat zwar nicht hinwegzusehen, aber doch den Menschen dahinter wahrzunehmen, mithin mehr zu sehen, als mein eigenes Werturteil mich sehen lässt. Das lehrt mich auch etwas Wichtiges über mich selbst und die menschliche Spezies überhaupt, nämlich, dass alle Schuld und alles Versagen das Mensch-Sein nicht aufheben, sondern dazu herausfordern, Verantwortung zu übernehmen.
Im Hebräerbrief liegen die Dinge allerdings etwas anders. Hier wird dazu aufgerufen, an diejenigen Gefangenen zu denken, die unschuldig inhaftiert sind, vermutlich um ihres Glaubens willen. Der Blick richtet sich also auf Gefangene, die nicht durch eigene Schuld in diese Lage geraten sind. Ich finde die Aufforderung bemerkenswert: „als wäret ihr mitgefangen“: Das Mitfühlen wird hier nicht nur als innere Regung verstanden, sondern als eine Form geistlicher Verbundenheit, die die Grenzen zwischen „denen dort“ und „uns hier“ durchlässig macht. Wer lernt, sich so in die Lage anderer hineinzuversetzen, wird nicht nur den unschuldig Leidenden nahe sein, sondern überhaupt sensibler für die Verwundbarkeit menschlichen Lebens werden.
„Denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib“ – das heißt: Ihr steht selbst unter denselben Bedingungen von Verletzlichkeit, Versuchung und möglichem Scheitern. Diese Einsicht bewahrt vor Überheblichkeit. Sie führt zu einer Nüchternheit, die weder Schuld verharmlost noch Menschen vorschnell festlegt.So berühren sich beide Perspektiven – die der Werke der Barmherzigkeit und die des Hebräerbriefes – im Wissen um die bleibende Würde des Menschen und um die eigene Angewiesenheit auf Gnade. Wer an Gefangene denkt, hält diese Wahrheit wach – im eigenen Herzen und in der Gemeinschaft.
Pfr. Stephan Tischendorf, Ev. Forum Chemnitz
Zum „Nachgedacht“ zwei Tipps:
Im Versöhnungsgebet von Coventry (jeden Freitag um 12:00 Uhr in der St. Jakobikirche) wird die Not der Gefangenen benannt.
Pfarrerin Anne Straßberger arbeitet im Frauengefängnis Chemnitz. Wer sie in ihrer Arbeit unterstützen möchte, kann sich gern bei ihr melden. Kontaktinformationen finden Sie im Internet unter https://kirchenbezirk-chemnitz.de/gefaengnisseelsorge/
Pfr. Stephan Tischendorf
Zum Bild
Unter der Skulptur auf dem Titelbild steht ein Zitat aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 25, Vers 36: „Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.“ Im obigen Nachgedacht wird dieser Gedanke aufgegriffen. Die Skulptur steht bei der Basilika Sankt Paul vor den Mauern, Rom, und wurde von dem kanadischen Künstler Timothy Paul Schmalz geschaffen. Sie gehört zu einer Reihe von fünf Werken von ihm, die sich mit Kapitel 25, Vers 31–46 des Evangeliums nach Matthäus beschäftigen.
Stefan Hirschberg
Foto: Stefan Hirschberg