Nachgedacht: Richtungswechsel
31. März 2026
Nachfolge. Wir kennen dieses Wort. Viele von uns seit Jahrzehnten. Und vielleicht ist das gerade das Problem. Es klingt vertraut. Ein wenig abgegriffen. Nachfolge – das verbinden wir schnell mit großen Entscheidungen, mit radikalem Einsatz, mit einem Lebensstil, für den man früher vielleicht bewundert wurde. Oder für den man heute keine Kraft mehr hat. Aber was, wenn Nachfolge gar kein großer Sprung ist? Was, wenn sie viel öfter ein kleiner Richtungswechsel ist?
Am 4. Februar dieses Jahres jährte sich der Geburtstag Dietrich Bonhoeffers zum 120. Mal. Während seiner Gefangenschaft im Nazi-Gefängnis dachte er auch darüber nach, was Nachfolge bedeutet. Seine Antwort: Nachfolge bedeutet, für andere da zu sein. So wie Jesus für andere da war. Nachfolge ist kein Standpunkt – Nachfolge ist eine Bewegung, weg von mir, hin zu meinen Mitmenschen.

Bonhoeffer schaut auf Jesus und erkennt: Jesus hat sein ganzes Leben auf andere ausgerichtet. ER lebt nicht für sich selbst. Er geht den Weg hin zu anderen. Diese Bewegung hin zu den anderen zeigt sich auch in Jesu eigenen Worten: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Markus 8,34) Jesus fordert keine Selbstverachtung. Er fordert einen Richtungswechsel. Nicht das eigene Leben festhalten, als wäre es nur für mich da.
Nachfolge heißt deshalb nicht: besonders fromm sein. Nachfolge heißt: sich hineinziehen lassen in diese Bewegung Jesu – in ein Leben, das nicht um sich selbst kreist. Nachfolge entscheidet sich oft in sehr kleinen Situationen. Zum Beispiel, wenn am Stammtisch ein abwertender Satz fällt – und man spürt: Jetzt könnte ich schweigen. Oder widersprechen. Oder wenn jemand in der Gemeinde länger fehlt – und man denkt: Es wird sich schon jemand kümmern. Oder man greift selbst zum Telefon. Oder wenn in der Familie ein Konflikt schwelt – und man könnte warten, bis der andere den ersten Schritt macht. Oder man geht selbst einen. Nachfolge entscheidet sich oft genau dort. Bleibe ich stehen – oder gehe ich einen Schritt auf den anderen zu?
Bonhoeffer würde sagen: Nachfolge beginnt dort, wo wir uns bewegen lassen, weg von uns selbst – hin zu dem Menschen, der uns gerade braucht.
Carsten Friedrich,
Vikar der Ev.-Luth. St.-Jakobi-Kreuz-Kirchgemeinde
Fotos:
dbp . Bonhoeffer Bildarchiv,
Beitragsbild: agniecha_k/pixabay